Ostseebad Wustrow auf dem Fischland – Impressionen
Das Wustrower Windrad

Ich kann mich noch gut erinnern, wie das Wustrower Windrad 1989 gebaut wurde. Es war das erste Windrad in der DDR überhaupt, wurde am 11.10.1989 offiziell in Betrieb genommen und alle waren mächtig stolz darauf.  Der Ort war sogar so stolz, dass er das Windrad damals offiziell in das Ortswappen mit aufnahm. Dass es auch für ganz Deutschland etwas Besonderes war zeigt, dass in dieser Zeit sogar ganze Reisebusse dort hielten, damit die Reisenden es sich ganz genau anschauen konnten. Im Laufe der Jahre wurden an anderen Standorten (aber nicht auf dem Fischland) weitere Windräder gebaut und vor allem größere. Der Status von etwas Besonderem ging verloren und der Ort beeilte sich ganz schnell, das Windrad wieder aus dem Wappen zu entfernen. Das Windrad selbst wurde allmählich durch die massenhafte Verbreitung unbedeutender. 
Dennoch ist es  noch ein Symbol, denn wenn das Windrad an der Straße auftaucht, ist man auf dem Fischland und entweder zu Hause oder im Urlaub. 

Lage des Wustrower Windrades:

Letzte funktionierende Anlage der ersten Generation von Vestas-Windrädern

Technisches Denkmal Nummer 11400

Koordinaten: Breite: 54.344885° Länge: 12.383828°

Link zur Google-Karte: https://goo.gl/RLRDH8 

what3words: ///kaiser.bewohnt.kellen

Lageplan des Windrades bei Google Maps

Fotoquelle: Google Maps

Geschichtliches:

Bei diesem Windrad handelt es sich um die erste industriemäßig hergestellte und dauerhaft einspeisende Windkraftanlage, welche in der DDR aufgestellt wurde. Dort forschte man ebenfalls nach Alternativen zur Braunkohle und machte sogar Experimente mit Rotorblättern von Hubschraubern. Die Forscher in Dänemark waren zu diesem Zeitpunkt schon weit voraus und produzierten bereits funktionierende Windkraftanlagen. 

Das Windrad in Wustrow war am 11.10.1989 sogar Thema der „Aktuellen Kamera“ (Tagesschau der DDR) – am selben Tag, an dem die DDR-Regierung unter Willi Stoph ihren Rücktritt erklärte.

Die Vorgeschichte war ungewöhnlich: Dr. Klaus-Jürgen Beel, damaliger Betriebsdirektor des VEB Holzhandel Rostock, sollte für den Export getrocknetes Holz liefern. Da das Heizen mit Öl, Gas und Strom verboten war und man keinen Braunkohlehaufen auf dem Betriebsgelände wollte, entstand die Idee zur Windenergie aus einem NDR-Westfernsehbeitrag.

Nach Verhandlungen mit dem Energiekombinat wurde klar: Der Windstrom konnte nicht in Rostock erzeugt werden. Der Generaldirektor schlug daher Wustrow als windreichsten Standort vor und vermittelte den Kontakt zu Otto Jörn, einem erfahrenen Windkraft-Ingenieur im Vorruhestand. Jörn reiste nach Dänemark, besichtigte die Fertigung in Lem und wählte die Vestas V25 (200 kW) aus.

Für 450.000 D-Mark wurde die Anlage nebst verzinktem Gitterturm bestellt. Nur das dazugehörige Trafohäuschen kam aus DDR-Produktion. Errichtet wurde die Anlage 1989 und am 10. Oktober 1989 um 18:32 Uhr in Betrieb (Probelauf) genommen. Im Trafohaus gibt es an der Wand neben dem Schalter einen entsprechenden Bleistifteintrag, welcher den Tag und die Uhrzeit der Inbetriebnahme angibt.

Am 3. Oktober 1990 wurden beide deutschen Staaten wiedervereinigt. Der Holzhandel, dem offiziell das Windrad gehörte, wurde von einem westdeutschen Betrieb aus München übernommen, welcher jedoch wenig Verständnis für das Windrad zeigte und das Windrad wurde zum Verkauf freigegeben. Dies erwarb Dr. Klaus-Jürgen Beel, der ehemalige Chef des VEB Holzhandel Rostock für 300.000 Mark und hat es bis heute vor dem Abriss bewahrt. Das darunterliegende Grundstück wurde nach hartem Kampf (Gemeinde, Eon und Land) der Gemeinde zugesprochen. Sie hat das Grundstück an den Besitzer verpachtet.

Da das Windrad an einer sehr guten Stelle steht, wo fast das ganze Jahr über gleichmäßige Winde wehen, wirft es bis heute auch monatlich Gewinn ab. Der Ertrag liegt nach Angaben des Betreibers durchschnittlich bei rund 2000 Euro im Monat. Reparaturen und Wartung müssen natürlich auch durchgeführt und bezahlt werden. Seit einigen Jahren gibt es zusätzliche Einnahmen durch Antennen von Mobilfunkanbietern auf dem Gittermast. Schließlich wollen die Urlauber ja auch am Strand mit Mobilfunk versorgt sein.

Die jährlich gelieferte Strommenge beträgt ca. 500.000 bis 600.000 kWh. Natürlich ist der Stromertrag gegenüber den heutigen Giganten winzig, jedoch war es ein wichtiger Meilenstein. Etwa 200 Haushalte können damit versorgt werden. Man braucht auch keine Sorgen haben, dass weitere Windkraftanlagen dazukommen und die einzigartige Landschaft beeinträchtigen, denn weitere Windkraftanlagen dürfen auf dem Fischland nicht mehr errichtet werden. Zudem liegt der Trend ohnehin derzeit eher bei großen Offshore-Anlagen. 

Die Wartung wurde bis 2022 übrigens immer noch vom dänischen Unternehmen Vestas durchgeführt. Dann hat Vestas allerdings den Wartungsvertrag gekündigt. Es gibt wohl auch offiziell keine Ersatzteile mehr dafür.  

Der Eigentümer möchte das Windrad auch in der Zukunft als technisches Denkmal erhalten. Deshalb wurde ein Antrag auf die Eintragung als technisches Denkmal gestellt. Dieser Traum scheint sich zu verwirklichen. Zwar steht es in der offiziellen Denkmalliste (Stand 07/2023) noch nicht drin, jedoch aber auf den Karten des Atlas.VR. Stand 09/2025

Hier steht der folgende Eintrag: Denkmalnummer 11400, Windenergieanlage Typ Vestas V25

Der Betreiber hatte schon Sorgen, dass für den Eintrag die Mobilfunkantennen weichen müssen, das scheint aber nicht der Fall zu sein.   

Technische Daten Windkraftanlage Wustrow:

Windrad in voller Größe und rechts unten daneben das Trafohäuschen

Hauptdaten

  • Hersteller: Vestas (Dänemark)
  • Windkraftanlage: V25/200
  • Nennleistung: 200 kW
  • Durchmesser: 25 m
  • Für Offshore geeignet: nein
  • Überstrichene Fläche: 491 m²
  • Leistungsdichte: 2,46 m²/kW
  • Anzahl an Blättern: 3
  • Regelung: Pitch
  • Inbetriebnahme: Herbst 1989

Gewicht:

  • Gondel: 7,1 t
  • Turms 11,5 t
  • Rotor: 3,2 t
  • Gesamtgewicht: 21,8 t

Rotor:Rotorblätter des Windrads vor blauem Himmel

  • Min. Rotordrehzahl: 30 U/min
  • Max. Rotordrehzahl: 44 U/min
  • Einschaltwindgeschwindigkeit: 4,5 m/s
  • Nominalwindgeschwindigkeit: 15 m/s
  • Abschaltwindgeschwindigkeit: 27 m/s
  • Hersteller: Vestas

Getriebe:

  • Getriebe: Ja
  • Stufen: 2
  • Übersetzung: 23
  • Hersteller: Hansen, Flender

Generator:

Nabe des Winrads

  • Generator: ASYNC
  • Anzahl: 2
  • Max. Generatordrehzahl: 1200 U/min
  • Spannung: 480 V
  • Hersteller: Siemens, ABB, ASEA

Turm:

  • Min. Nabenhöhe: 30 m
  • Max. Nabenhöhe: 38,5 m

Quelle der technischen Angaben: www.thewindpower.net 

Fotos von der Windkraftanlage Ostseebad Wustrow

Auf dem Weg zum Windrad Windenergieanlage Ostseebad Wustrow in voller Größe Gittermast des Windradesoberer Teil des WindradesWindrad im WinterWindrad mit Mobilantenne

Update 2021 – Verschönerung des Transformatorenhäuschens

Im Rahmen einer Kunstaktion wurde das Transformatorenhäuschen im Herbst 2021 von Schülern der Bernsteinschule Ribnitz mit Sprayflaschen farblich neu gestaltet. Dabei half der Rostocker Street-Art-Künstler Alexander Kalfa. Das Projekt wurde geleitet von der Museumspädagogin Birgitt Sandke vom Ahrenshooper Kunstmuseum. 

Zu sehen ist nun der Schriftzug "Energie" und dahinter eine grüne Landschaft, welche die Verbindung zwischen Energie und Umwelt darstellen soll. Gefördert wurde das Projekt von der Bundesvereinigung für kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ). 

Transformatorenhäuschen 01 Transformatorenhäuschen 02

Hier noch ein Artikel auf der Webseite des MDR über das Windrad.

Hier ein Beitrag vom Nordmagazin zum Wustrower Windrad:

Weitere Windkraftprojekte der DDR- und Wendezeit

Neben dem staatlichen Importprojekt in Wustrow gab es in der späten DDR und der Wendezeit weitere bemerkenswerte Pionierprojekte:

  • Rostock-Dierkow (Joachim Pätz): Der Rostocker Ingenieur Joachim Pätz errichtete ab 1988/1989 auf der Dierkower Höhe eine private Versuchsanlage. Da es in der DDR keine industriellen Rotorblätter gab, bewies er enormen Erfindergeist und nutzte umgebaute Blätter eines sowjetischen Mi-8-Hubschraubers. Die etwa 50 kW starke Anlage ging im Mai 1989 in den Probebetrieb und gilt damit als die erste einspeisende Windkraftanlage der DDR überhaupt. Im Jahr 1993 musste sie auf Anordnung des Umweltamtes abgebaut werden.

  • Großgräfendorf bei Halle (Karl Hartung): Im Juni 1990 – kurz nach der Wende – nahm der Landwirt Karl Hartung in Großgräfendorf eine 80-kW-Anlage des Herstellers Enercon in Betrieb. Sie gilt als die erste Windkraftanlage Sachsen-Anhalts. Die Pionieranlage erwies sich als extrem langlebig: Sie war stolze 26 Jahre lang im Dienst und erzeugte bis zu ihrem Abbau im Jahr 2016 zuverlässig Strom.

Quellenverzeichnis

Kommentare powered by CComment