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Das Wustrower Reutergeld aus dem Jahre 1922
Das Wustrower Reutergeld

Das Reutergeld von Wustrow: Ein kurioses Kapitel der Fischländer Finanzgeschichte

In den Krisenjahren nach dem Ersten Weltkrieg blühte in Mecklenburg eine ganz besondere Form der „Ersatzwährung“ auf: das Reutergeld. Auch das Ostseebad Wustrow – das geschichtsträchtige „Swante Wustrow“ – beteiligte sich 1922 an dieser außergewöhnlichen Aktion.

Historischer Kontext: Notgeld als Kunstform

Während das klassische Notgeld der Jahre 1914 bis 1923 primär den Mangel an Kleingeld beheben sollte, verfolgte das Reutergeld ein anderes Ziel. Anlässlich des 111. Geburtstags des niederdeutschen Dichters Fritz Reuter gaben insgesamt 70 mecklenburgische Städte und Gemeinden diese kunstvoll gestalteten Scheine heraus.

  • Herausgeber in Wustrow: Die örtliche Badeverwaltung (unterzeichnet von den Herren Wustmann und Fr. Lange).

  • Künstler: Der bekannte Maler Egon Tschirch (1889–1948).

  • Vertrieb: Die Scheine wurden oft erst nach ihrem offiziellen Verfallstag (hier der 28. Februar 1922) an Sammler verkauft, um die Reuterstiftung und lokale Vorhaben zu finanzieren.


Die drei Wustrower Scheine im Detail

Die Wustrower Serie besteht aus den Nennwerten 10, 25 und 50 Pfennig. Sie fangen den Geist des Fischlands zwischen Seefahrtstradition und aufkommendem Badetourismus perfekt ein.

1. Der 10-Pfennig-Schein: Maritime Symbole

  • Vorderseite: Zentrales Motiv ist eine Kogge in einer mandorlaähnlichen Umrahmung, versehen mit dem Bibelzitat „PS. 46 2-4“ („Gott ist unsere Zuversicht und Stärke...“), was die tiefe Gläubigkeit der Seefahrergemeinde unterstreicht.
    Wustrower Reutergeld aus dem Jahre 1922 - 10 Pfennig Vorderseite

  • Rückseite: Zwei Zeesboote vor der Küste. Der Text oben ist ein humorvolles plattdeutsches Wortspiel über den Namen „Klas“ (Klaus), ein Klassiker des regionalen Humors.
    Wustrower Reutergeld aus dem Jahre 1922 -

  • 10 Pfennig: Das Rätsel um „Klas“

    Auf diesem Schein wird ein klassisches Wortspiel um den auf dem Fischland extrem verbreiteten Vornamen „Klas“ (Klaus) getrieben.

    Plattdeutsch: „Klas segg mal Klas,“ To fröggt de Ein, „Klas, hest Du minen Klas nich seihn?“ „Ja“, anwurt’t denn de Unner Klas, „Din Klas, dei gung mit minen Klas Tusamen nah Klas Klasen sinen Klas!“

    Hochdeutsche Übertragung: „Klas, sag mal Klas“, so fragt der Eine, „Klas, hast Du meinen Klas nicht gesehen?“ „Ja“, antwortet dann der andere Klas, „Dein Klas, der ging mit meinem Klas zusammen zu Klas Klasens seinem Klas!“

    Hintergrund: In Wustrow gab es früher so viele Männer mit dem Namen Klas, dass man oft Beinamen oder die Hausnamen nutzen musste, um die Leute zu unterscheiden. Der Vers treibt diese Namensgleichheit humorvoll auf die Spitze.

2. Der 25-Pfennig-Schein: Das Wahrzeichen

  • Vorderseite: Zeigt die markante Wustrower Kirche, die seit Jahrhunderten als Seemarke für die Kapitäne dient.
    Wustrower Reutergeld aus dem Jahre 1922 - 25 Pfennig Vorderseite

  • Rückseite: Männer beim „Bootsschieben“ – eine Darstellung der harten körperlichen Arbeit der Fischer oder Rettungsmannschaften. Der Text verkündet stolz: „Up Fischland ist’en wohren Spaß, dor heiten’s alltausamen ‚Klas‘“.
    Wustrower Reutergeld aus dem Jahre 1922 - 25 Pfennig Rückseite

  • 25 Pfennig: Die Fischländer Einmütigkeit

    Passend zum Motiv der hart arbeitenden Männer beim Bootsschieben, wird hier die Identität der Halbinsel betont.

    Plattdeutsch: „Up Fischland ist’en wohren Spaß, Dor heiten’s alltausamen ‚Klas‘“

    Hochdeutsche Übertragung: „Auf dem Fischland ist es ein wahrer Spaß, dort heißen sie allesamt ‚Klas‘.“

    Hintergrund: Dies ist die Fortführung und Bestätigung des Witzes vom 10-Pfennig-Schein. Es zeigt das Augenzwinkern, mit dem die Wustrower ihrer eigenen Tradition begegneten.

3. Der 50-Pfennig-Schein: Exotik und Seemannsgarn

  • Vorderseite: Ein prächtiges Zeesboot mit mit den traditionellen rotbraunen Segeln mit Kurs auf den Wustrower Binnenhafen. Im Hintergrund die Silhouette von Wustrow.
    Wustrower Reutergeld aus dem Jahre 1922 - 50 Pfennig Vorderseite

  • Rückseite: Das wohl kurioseste Motiv – ein Seemann in einer Tonne, der von einem Tiger gezogen wird. Dies ist eine Anspielung auf die „Lügentradition“ und das Seemannsgarn, das Fritz Reuter in seinen Werken oft thematisierte. Der Vers warnt davor, in Gefahren den Mut zu verlieren.
    Wustrower Reutergeld aus dem Jahre 1922 - 50 Pfennig Rückseite

  • 50 Pfennig: Der Rat in der Not (Seemannsgarn)

    Das Motiv mit dem Tiger und dem Seemann in der Tonne bezieht sich auf eine bekannte Lügengeschichte (ähnlich wie Baron Münchhausen), in der ein Seemann eine Gefahr durch Geistesgegenwart bannt.

    Plattdeutsch: „Wenn Du mal büst recht in Gefohren, Wo di dat Metz steht an de Kehl, Denn fang nich glieksten an tau rohren, Un schri un jammer nich tau vel, Denn fat dat Ding an’n Start geswinn Un fläg’ en düchtigen Knuppen rin.“

    Hochdeutsche Übertragung: „Wenn du mal richtig in Gefahr bist, wo dir das Messer an der Kehle steht, dann fang nicht gleich an zu weinen, und schrei und jammere nicht zu viel. Dann fass das Ding am Schwanz geschwind und schlag einen tüchtigen Knoten rein.“

    Hintergrund: Dies ist die typische Lebensphilosophie der Wustrower Kapitäne und Seeleute: Nicht klagen, sondern anpacken (und wenn nötig, dem Tiger einen Knoten in den Schwanz machen). Der Künstler Egon Tschirch hat dies hier meisterhaft visualisiert.


Bedeutung für das heutige Wustrow

Das Reutergeld war de facto nie ein echtes Zahlungsmittel für den täglichen Bedarf in den Wustrower Läden. Es war vielmehr eine frühe Form des Souvenirs und der Kulturförderung. Es zeigt uns heute:

  1. Identität: Wie stark die niederdeutsche Sprache und Fritz Reuter im Bewusstsein der Wustrower verankert waren.

  2. Marketing: Wie einfallsreich die Badeverwaltung schon damals war, um in wirtschaftlich schweren Zeiten Einnahmen für den Ort zu generieren.

  3. Kunst: Dass Wustrow schon früh ein Anziehungspunkt für bedeutende Künstler wie Egon Tschirch war.

„Dat Land Swante Wustrow“, wie Peters es beschrieb, fand in diesen kleinen Papierstreifen eine Brücke zwischen seiner bäuerlich-maritimen Vergangenheit und einer modernen touristischen Zukunft. 


Technische Daten:

  • Ausgabejahr: 1922 (offiziell zum 111. Geburtstag Fritz Reuters 1921 geplant).

  • Künstler: Egon Tschirch, Rostock.

  • Druck: Bärensprung’sche Hofbuchdruckerei, Schwerin.

  • Besonderheit: Die Scheine waren als Sammlerobjekte konzipiert und wurden oft erst nach dem Verfallstag (28.02.1922) ausgegeben.


Egon Tschirch (1889–1948): Der Visionär hinter dem Wustrower Reutergeld

Egon Tschirch gilt heute als einer der bedeutendsten mecklenburgischen Maler und Gebrauchsgrafiker der Klassischen Moderne. Für das Ostseebad Wustrow schuf er mit den Entwürfen für das Reutergeld bleibende Ikonen der Ortsgeschichte.

1. Ausbildung in der Metropole

Julius Louis Hans Egon Tschirch wurde am 22. Juni 1889 in Rostock als Sohn eines Goldschmiedemeisters geboren. Sein Talent führte ihn früh nach Berlin, wo er an den renommiertesten Ausbildungsstätten der Zeit studierte:

  • Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums (bei Bruno Paul)

  • Königliche Kunstschule

  • Königliche Akademie der bildenden Künste Berlin-Charlottenburg

2. Rückkehr und Aufbruch in Rostock

Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Soldat verwundet wurde, kehrte er in seine Heimatstadt zurück. 1919 war er Mitbegründer der Vereinigung Rostocker Künstler. In dieser Zeit entwickelte er einen dynamischen, farbintensiven Stil, der ihn zu einem Hauptvertreter des späten Expressionismus in Norddeutschland machte. Besonders sein wiederentdeckter Bilderzyklus zum „Hohelied Salomos“ (1923) gilt heute als Meisterwerk.

3. Der Schöpfer des Wustrower Reutergelds (1921/22)

Als die Reutergesellschaft 1921 das Notgeld-Projekt startete, gehörte Tschirch zum kleinen Kreis von nur fünf ausgewählten Künstlern, die die grafische Gestaltung für die 70 beteiligten Gemeinden übernahmen.

  • Seine Handschrift in Wustrow: Tschirch war für die Gestaltung der Wustrower Serie (10, 25 und 50 Pfennig) verantwortlich.

  • Symbolik: Er verband meisterhaft die christliche Seefahrertradition (die Kogge mit Bibelzitat) mit dem derben Humor der Region. Seine Fähigkeit, Charakterköpfe und maritime Szenen prägnant zu erfassen, machte die Wustrower Scheine zu den ästhetisch anspruchsvollsten der gesamten Serie.

4. Ein Leben im Wandel der Zeiten

Tschirchs Werk spiegelt die Brüche der deutschen Geschichte wider. In den 1930er Jahren wurde sein Stil sachlicher und realistischer. Er blieb ein gefragter Porträtist des Mecklenburger Bürgertums. Aufgrund seiner Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus (Eintritt in die NSDAP 1931) wurde sein Werk in der DDR-Zeit eher zurückhaltend behandelt und geriet teilweise in Vergessenheit.

5. Wiederentdeckung und Erbe

Egon Tschirch starb am 5. Februar 1948 in Rostock. Erst in den letzten Jahren erfährt sein Œuvre eine Renaissance. Ausstellungen im Kulturhistorischen Museum Rostock und im Kunstmuseum Ahrenshoop sowie die erste umfassende Monografie (2020) würdigen ihn heute wieder als einen Künstler, der die visuelle Identität Mecklenburgs und des Fischlands entscheidend mitgeprägt hat.

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